„Mama geh weg!!!!“

Ich liege mit den Kindern im Bett. Der Dezemberjunge ist schon eingeschlafen. Ganz erschöpft und müde von den letzten Tagen. Das Septembermädchen hampelt noch rum, macht laut und muss noch irgendwelche dringende Sachen erledigen, u.a. ihre Pupe aus dem Bett schmeißen. Ich bitte sie etwas leise zu sein, da der Dezemberjunge nun schläft. Sonst reagiert sie dann ganz kooperativ und weiß, dass ich nun ganz für sie da sein kann, heute ist es irgendwie anders. Sie fängt an zu schreien und zu bocken, wie ein kleines Pferd. Kein Scherz, sie legt sich wirklich hin, vergräbt ihr Gesicht zwischen den Armen und lässt die Beine in die Luft fliegen. Ich weiß nicht so genau, was da los ist und, da ich nicht an die rankomme, signalisiere ich ihr, das ich warte bis sie so weit ist. 

Da fängt sie an zu treten. Ihre Füße treffen meinen Rücken und meine Beine. Sie schreit: „Geh weg Mama! Geh weg!“ Ich schaue sie an, frage, ob ich raus gehen soll. 

„Ja!“ 

„Geh weg!“ 

„Dann möchtest du alleine einschlafen? Oder dich an mich ankuscheln?“, frage ich sie noch ein Mal. „Ankuscheln“, kommt als vernuschelte Antwort. Und schon kuschelt sie sich an mich an. Von Wut, Ärger und wilden kleinen Pferden keine Spur. Nun darf ich noch den Teddy richtig einhuscheln und dann ist sie ganz ruhig. 

Ein kurzes Schauspiel, wenige Minuten nur. Es hätten aber auch viel mehr werden können. Ganz anders wäre die Situation verlaufen, wenn ich direkt hinausgegangen wäre. Doch ich war in diesem Moment offen, habe mich mit ihr verbunden und nicht nur die Worte gehört. Ich habe ihre Gefühle sein gelassen und sie aufgenommen, wie ein Blitzableiter. Sie gingen durch mich durch, konnten bei mir jedoch nichts kaputt machen. 

Nicht immer meinen Kinder genau das was sie sagen. Aber meistens heißt es, schau mich an, nimm mich wahr und dann bitte in den Arm. 

Bei dir

Es ist halb zehn abends. Du hast schon eine Weile geschlafen. Vom Husten wirst du unruhig. Du weinst und kannst dich nicht beruhigen. Du stehst im Bett, drückst dich durch, weist uns zurück. Inzwischen kennen wir solche Situationen. Da sein. Warten. Zuhören. Ganz in diesem Moment. Ganz bei dir. 

Leise Summe ich eine Melodie. Für mich. Für dich. Du nimmst meine Hand, ziehst mich mit. Auf meinen Arm. „In die Trage!“ Dann sind es nur noch du und ich. Wir. Die Welt da draußen ist egal. Du schmiegst dich an mich. Dein Kopf klemmt unter meinem Kinn. Deine Beine reichen mir längst bis zu den Knien. In diesem Moment werden wir wieder Eins. Für einen Moment bist du wieder mein kleines Baby. So zart. So bedürftig. So geborgen. 

Ein kurzer Moment. Du tankst voll auf. Dann willst du wieder in dein Bett. 

Du weißt, du darfst immer wieder mein Baby werden, egal wie groß du schon bist. Und ich sauge sie ein, diese kleinen Momente. Kostbar sind sie nun. 

„Es ist doch nichts passiert!“

Wir sind im Eltern-Kind-Café. Viele Kinder und Eltern sind heute wieder da. Das Septembermädchen angelt nach unserer Saftschorle. Irgendwie rutscht sie aus der Hand und ergießt sich über den Boden. Ein paar Spritzer landen auf ihrem Schuh. Die fängt an zu weinen. Ein anderes kleines Mädchen, was mit involviert war. Ist auch verunsichert. Die Erwachsenen machen hektische Bewegungen. Schnell ein Lappen, schnell das Kissen vor der Schorle retten. Schnell das Kind in Socken stoppen, damit es nicht rein tritt. Ich habe gerade dem kleinen Mann ein Buch vorgelesen und er sitzt auf meinem Schoß, so dass ich nicht direkt da sein kann. Jemand möchte das Septembermädchen und die anderen verunsicherten Kinder trösten, beruhigen. „Es ist doch nichts passiert!“

Wirklich?

Warum werkeln alle plötzlich rum? Vorher war es doch noch ruhig. Würde sich unterhalten, vorgelesen, gespielt. Irgendwas ist passiert. Die Stimmung ist anders. Ein Glas ist umgekippt, der Inhalt auf dem Boden verteilt. Für uns Erwachsene nicht schlimm. Wir holen einen Lappen, wischen alles auf und gießen neues zutrinken ein. Dann kann es schon weiter gehen.

Für Kinder sieht die Welt ganz anders aus. Sie haben das Glas aus gekippt. Sie wollten etwas zu trinken und nun ist es leer. Sie wurden auch noch nass. Und ganz wichtig: Es ist etwas passiert! Zur Beruhigung ist der Satz also nicht geeignet. Denn dann leugnen wir das Geschehene. Sprechen wir es lieber an. Reden wir mit dem Kind und reflektieren die Situation. So habe ich dann zum Septembermädchen gesagt: „Dir ist das Glas aus der Hand gerutscht und du bist nass geworden. Ist dir das unangenehm? Und du bist traurig, weil du kein zu trinken mehr hast?“ „Ja“ erhielt ich leise und schniefend als Antwort. „Dann machen wir das jetzt trocken und wir holen dir Neues zu trinken.“ Als das Septembermädchen ein neues Glas in der Hand hielt und der Schuh wieder trocken war, sah die Welt schon wieder in Ordnung aus.

Sie spürt, dass ihr Unwohlsein ernst genommen wird. Sie sieht, das etwas passieren darf und das es einen Weg gibt die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. So handel ich immer egal was passiert ist. Ob sich beide streiten, ob sie sich weh getan haben oder, oder, oder. Manchmal muss ich auch rum raten, denn ich weiß nicht genau, was der Grund für ihr Unwohlsein ist. Aber, und das finde ich ganz wichtig, passiert ist immer etwas!

Natur erleben in der Stadt

Es ist herrliches Sonnenwetter. Kalt und schön. Direkt nach dem Kindergarten gehen wir zur Fischtreppe. Wir stehen da und hören das Wasser. Ein Stück weiter können wir Stöcke und Erde in den Neckar werfen. Die Astgabel wird erobert und Weitwurf geübt. Das Septembermädchen klettert un ablässig den kleinen Hang hoch und wieder runter. Daneben ist es etwas flacher, aber es muss genau diese Stelle sein. Man sieht ihr an, dass es sie fordert. Zwischen durch schauen Enten vorbei. Sie hoffen auf Futter. Doch Stöcke und Erde mögen sie nicht. Irgendwann ist genug geworfen wurden und wir können weiter gehen. Die nächste Herausforderung wartet schon. Für das Septembermädchen eine sehr unebene Mauer zum Balancieren. Der kleine Mann flitzt vorne weg und entdeckt ganz neues Land. Hier waren wir noch nicht. Der Brunnen, der keiner ist, wird beklettert und erkundet. Eine Zauberfeder gefunden und verschenkt. Und zum Schluss auch noch die ein oder andere Stärkung entdeckt.   
    
    
    
Dies alles passiert frei. Ich halte mich zurück. Ich greife nicht ein. Ich genieße. Die Sonne. Die ausgeglichenen Kinder. Die Ruhe. Das Beisammen sein. 

Ich sage nicht „geh nicht ins Wasser“, kein „sei aber vorsichtig“, oder „lass das“. Die Kinder spüren, dass dieser Moment ihnen gehört. Dass sie entdecken dürfen, wie sie es wollen. Sie sind frei. Frei in der Natur. Ein kleines bisschen Bullerbü direkt neben einer vier-Spurigen Bundesstraße. 

„Ich möchte auch sowas anziehen“

Es ist Sommer. Es ist warm. Ich ziehe mir einen Rock an und bin froh über die Leichtigkeit meiner Kleidung. Der kleine Mann sieht das und fragt mich, „was hast du da an?“ Ja, es ist bei mir nicht der alltägliche Anblick. Ich im Rock. Es wird mehr, aber Hosen sind mir oft doch lieber. Ich antworte ihm schlicht, „ein Rock“. „Ich möchte auch einen Rock anziehen Mama.“ 

Schluck. Echt jetzt!? Das saß. Und ich dachte nach. Halte ich das aus? Kann ich damit umgehen, wenn mein Sohn einen Rock anziehen will. Erstmal wimmelte ich ihn belanglos ab. Irgendwie mit „ja wir schauen mal“. Oder so. In meinem Kopf ratterte es weiter. So frei bin ich also wirklich. Ich muss kräftig schlucken, bei diesem Wunsch. Eigentlich wollen wir doch unsere Kinder frei erziehen, ohne Gender Blabla. 

Er hat Puppen, kocht gerne, geht mit seinen Puppen in der Trage spazieren, klettert, buddelt, kehrt und putzt. Alles kein Problem. Wenn er beim Buch lesen den Wunsch äußert Hebamme werden zu wollen, ist meine Antwort immer bestätigend. „Ja, klar kannst du Hebamme werden, du kannst alles werden was du willst.“ Auch lila Schuhe hat er sich schon ausgesucht. Kein Problem. Aber das Kleid bzw. der Rock?

Ich entdecke Schranken in meinem Kopf, von denen ich hoffte sie gar nicht zu haben. 

Beim Septembermädchen ist das gar kein Problem. Sie trägt Kleid und Hose bunt gemixt. Sie trägt die T-Shirts vom kleinen Mann, genauso wie zwei neue „Mädchen-T-Shirts“, die Hosen sind alle noch vom kleinen Mann. Egal. Traktor, Bagger, Fuchs und Igel. Blau, Blau und weiß, Orange, geringelt, grün und bunt. Alles zieht sie an. Auch lila und rosa. Alles eben. Und ich bin stolz auf dieses kleine Mädchen. Frech, laut, wild und unglaublich süß, so wie sie ist und sein darf. 

Ich ziehe ihr ein Kleid über den Pulli und eine Hose drunter, denn es ist frisch. Der kleine Mann kommt noch im Schlafanzug rein. „Ich will auch ein Kleid anziehen Mama.“ Gut. Ich ziehe die Schublade raus und hole ein noch etwas großes Kleid vom Septembermädchen raus.  Er zieht es Freude strahlend an. Dazu sucht er sich seine Sporthose aus und eine blaue Jacke drüber. Zufrieden. Als wir auf den Markt gehen wollen, zieht er sich noch die Gummistiefel an, die Gefütterten. 

 So ziehen wir los. Und ich bin stolz. Auf meinen Sohn, der noch keine Schranken im Kopf hat. Der sein möchte und darf, wie er ist. Der ausprobiert, wie sich alles anfühlt. Der so die Welt wirklich kennen lernt. Und der meine Schranken löst und öffnet. 

Danke, mein lieber Sohn!
Ein toller Artikel zum Thema ist in der Nido vom Juni 2016. 

Staunend

Staunen. Einfach nur staunen und genießen, beim Anblick meiner Kinder. Beim kleinen Mann und vor allem beim Septembermädchen. Sie plaudert und blabbert den ganzen Tag. Sie singt und fragt. Sie weiß was sie will und hält nicht still. 

Seit Montag hat sie nochmal einen Schub gemacht. Ein Tag Fieber und schon sind neue Türen offen. Nun baut sie mit Duplo und ist ganz vertieft. So wie ihr Bruder Stein neben Stein. Wenn etwas nicht klappt und sie es ein paar Mal probiert hat, wird sie wütend. Wenn es dann klappt singt sie „Lalalala“.  

 Ja, sie singt. Wunderschön. Manchmal Lalalala. Manchmal summt sie. Manchmal „Lalelu manne mon“. Manchmal „daler, daler“. Manchmal kommt sie, will auf den Arm und fängt an mit „Heile, heile“, dann darf ich trösten. Sie schmiegt sich dann an mich ganz ganz fest und ich singe und genieße. 
Sie ist ein Wirbelwind. Flink wie ein Wiesel. Schon öfter ist sie mir entwischt, von Spielplätzen und durch das offen gelassene Gartentor. Dann bin ich staunend, ob ihrer Schnelligkeit.  

 Sie kommt in die Küche und fragt „ma du?“ Sieht einen dabei mit großen Augen an. Mehrmals täglich fragt sie auch „ba das?“ Wenn ich telefoniert habe, wenn draußen etwas vorbei gefahren ist, wenn ein Geräusch neu war, wenn eine neue Situation war. Neugierig entdeckt sie nun die Welt. Wir begleiten, entdecken und staunen. 

Sie ist offen und freundlich und kein bisschen ängstlich. Bei Freunden ist sie sehr schnell aufgetaut, kuschelt und spielt. Andere Menschen und Namen sind wichtig. Haben wir Besuch oder treffen jemanden, wird erstmal sehr lange jeder mit Namen angesprochen. Oft wird von den Menschen noch Tage später gesprochen. Auch gegenüber Tieren kennt sie keine Scheu. Hunde können nicht groß genug sein. Katzen wird hinter her gerannt, um sie zu streicheln. Jede Schnecke wird begrüßt. Vögel und Fliegen werden bewundert. Ein Regenwurm aus dem Sandkasten wird wieder ins Gras gesetzt. 

Sie lebt in und belebt ihre Umgebung. Ein Energiebündel. Ein lächelndes, lachendes Gesicht. Ein strubbeliger Zopf. Zwei funkelnde Augen. Ein kleines Mädchen mit großem Herzen. Unser Septembermädchen.   

Das Septembermädchen spricht

Ja
Nein

Tüss – Tschüss

Bagga – Bagger

Ato – Auto

Bai – Bär

Baj – Ball

Sisitz – Sitz/ Stuhl

Bidde – Bitte

Dann

Mann

Ababa – kleine Mann/Mama/alle anderen Menschen

Dacke – Danke

Nane – Banane

Biwi – Kiwi

Baba – Papa

Wauwau

Mau – Katze

Wawauf – Maulwurf

Gag – Keks

Ga/gag/ag – Ente/Gans

Und viele viele mehr. 

Kommunikationsblüten

„Du sollst mir helfen aufklappen!“ „Aber das kannst du schon, oder? Du bist doch schon groß.“ „Neee, ich kann nur die Sachen, die ich kann!“

Nach dem Baden, der kleine Mann ist gewaschen, auch die Haare, sogar mit Shampoo, was er überhaupt nicht leiden kann. „Papa ich hab eine Idee, was wir machen könnten.“ „Was denn?“ „Wir könnten die Seife verschlampern.“

Wir fahren im Auto und kommen an verschiedenen Bauernhöfen vorbei. 
Kleiner Mann: „Papa, auf welchem Bauernhof hast du gewohnt, als du ein Bauer warst?“ 
Herzensmann: „Auf einem kleinen Grünen.“
KM: „Hast du auch Kühe?“
HM: „Ja, vier Kühe und fünf Schafe.“
KM: „Hattest du auch eine Melkmaschine?“
HM: „Nee, für die vier Kühe brauch ich keine Melkmaschine.“
KM: „Eine Hand?“
HM: „Ja genau.“
KM: „Und ein Eimer!“ „Als ich ein Bauer war, Papa, da hatte ich einen großen Bauernhof und eine Melkmaschine. Hattest du auch eine Scheune?“
HM: „Ja, eine kleine Scheune“
KM: „Ich hatte eine große Scheune.“
HM: „Und was stand da drin?“
KM: „Ganz viele Traktoren und Anhänger!“

Sonnenschein und Regenwetter

Das Septembermädchen…

… läuft durch die ganze Wohnung und freut sich.

… bringt aus der Kinderküche einen Topf/eine Kuchenform mit Bausteinen oder ähnlichem drin, macht „mnjam, mnjam, mnjam“, bringt es einem und sagt „bidde“ oder „da“ und reicht es einem. 

… freut sich sehr, wenn sie den kleinen Mann sieht und er Mittags wieder da ist. 

… sucht sich Dosen und Deckel und macht sie zu, meistens hat sie auch etwas versteckt. 

… nimmt sich Bücher, guckt sie sich an und erzählt. 

… stapelt Ringe auf den Stab und klatscht in die Hände, wenn es funktioniert hat. 

… kommt einfach so und verteilt Küsse.

… zwickt einen und sagt dabei „Aua“.

… dreht sich im Kreis und wippt bei jeder Musik mit. 

… wirft sich auf den Boden, wenn ihr was nicht passt. 

… schreit und quietscht, wenn irgendetwas nicht so will wie sie. 

… bekommt einen Tobsuchtsanfall, wenn der Papa nachts zu ihr geht, um sie zu trösten.

… ist immer in Bewegung und hat eine enorme Ausdauer.

… macht einfach ihr eigenes Ding!

… ist unglaublich cool und süß!

… ist bald 1 1/2 Jahre alt.

Geborgen

Du hustest. Immer und immer wieder. Dein Schlaf ist unruhig. Regelmäßig hören wir dich weinen. Nur Kurz. Ausdruck deines Leidens. Als ich zu dir komme, mit Salbe am Finger, wirst du ruhiger. Du spürst die Liebe und Fürsorge. Es stört dich nicht, dass ich dir die Brust eincreme. Dankbarkeit kommt von dir. Ein erleichterter kleiner Seufzer. 

Viel bringt sie heute nicht, die Salbe. Immerzu musst du Husten. Dein Schlaf ist leicht. Ich merke bei meinem nächsten Besuch, dass deine Nase zu ist. Wieder hole ich eine Salbe. Wieder bist du ruhig. Lässt dich anfassen, im Halbschlaf, schläfst dann gleich weiter. 

Auch beim dritten Mal bist du ganz ruhig. Ich gebe dir etwas Hustensaft. Ich richte dich auf. Halte den Löffel in deinen geöffneten Mund. Du schmeckst. Legst dich hin. Schläfst weiter. Kein Weinen oder Geschrei. Obwohl du sonst nachts alles verweigerst. Heute darf ich dich im Schlaf stören. Doch selbst der Hustensaft bringt nicht viel Erleichterung. Irgendwann reicht es dir. Du brichst in Tränen aus. Leiden. Willst nur deinen Schlaf. 

Ich nehme dich auf meinen Arm. Ruhe. Kein Husten. Kein Weinen. Du lehnst dich an. Geborgen. So sitzen wir eine Weile da. Du schläfst  ruhig. Ich genieße den Moment. Sauge ihn auf. Speichere ihn für Später. 

Geborgen.