„Es ist doch nichts passiert!“

Wir sind im Eltern-Kind-Café. Viele Kinder und Eltern sind heute wieder da. Das Septembermädchen angelt nach unserer Saftschorle. Irgendwie rutscht sie aus der Hand und ergießt sich über den Boden. Ein paar Spritzer landen auf ihrem Schuh. Die fängt an zu weinen. Ein anderes kleines Mädchen, was mit involviert war. Ist auch verunsichert. Die Erwachsenen machen hektische Bewegungen. Schnell ein Lappen, schnell das Kissen vor der Schorle retten. Schnell das Kind in Socken stoppen, damit es nicht rein tritt. Ich habe gerade dem kleinen Mann ein Buch vorgelesen und er sitzt auf meinem Schoß, so dass ich nicht direkt da sein kann. Jemand möchte das Septembermädchen und die anderen verunsicherten Kinder trösten, beruhigen. „Es ist doch nichts passiert!“

Wirklich?

Warum werkeln alle plötzlich rum? Vorher war es doch noch ruhig. Würde sich unterhalten, vorgelesen, gespielt. Irgendwas ist passiert. Die Stimmung ist anders. Ein Glas ist umgekippt, der Inhalt auf dem Boden verteilt. Für uns Erwachsene nicht schlimm. Wir holen einen Lappen, wischen alles auf und gießen neues zutrinken ein. Dann kann es schon weiter gehen.

Für Kinder sieht die Welt ganz anders aus. Sie haben das Glas aus gekippt. Sie wollten etwas zu trinken und nun ist es leer. Sie wurden auch noch nass. Und ganz wichtig: Es ist etwas passiert! Zur Beruhigung ist der Satz also nicht geeignet. Denn dann leugnen wir das Geschehene. Sprechen wir es lieber an. Reden wir mit dem Kind und reflektieren die Situation. So habe ich dann zum Septembermädchen gesagt: „Dir ist das Glas aus der Hand gerutscht und du bist nass geworden. Ist dir das unangenehm? Und du bist traurig, weil du kein zu trinken mehr hast?“ „Ja“ erhielt ich leise und schniefend als Antwort. „Dann machen wir das jetzt trocken und wir holen dir Neues zu trinken.“ Als das Septembermädchen ein neues Glas in der Hand hielt und der Schuh wieder trocken war, sah die Welt schon wieder in Ordnung aus.

Sie spürt, dass ihr Unwohlsein ernst genommen wird. Sie sieht, das etwas passieren darf und das es einen Weg gibt die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. So handel ich immer egal was passiert ist. Ob sich beide streiten, ob sie sich weh getan haben oder, oder, oder. Manchmal muss ich auch rum raten, denn ich weiß nicht genau, was der Grund für ihr Unwohlsein ist. Aber, und das finde ich ganz wichtig, passiert ist immer etwas!