Von Liebe und Nähe – wenn aus einem Paar eine Familie wird

Inzwischen ist es schon über vier Jahre her, das der Dezemberjunge zu uns kam. Unser erstes kleines großes Wunder. Wir kuschelten viel und machten es uns in unserem Bett gemütlich. Zu dritt oder zu zweit, in den möglichen Kombinationen. Wir sogen die Liebe  tief ein, die uns wie eine Blase umgab. Die Zeit war nicht nur rosarot, aber trotzdem, nicht nur in der Erinnerung, wunderschön und ganz besonders. 

Dann waren die Weihnachtsferien vorbei, der Herzensmann ging wieder arbeiten. Langsam schlich sich unser Alltag zurück und mit ihm verflog die rosarote Zeit. Plötzlich saß abends nicht nur die glückliche Frau zu Hause, die sich freut, dass der Herzensmann wieder da ist. Nein, da gab es auch die genervte oder verzweifelte Frau, die weinende Frau, weil sie am Rand ihrer Kräfte war, nicht mehr weiter wusste. Oft saß ich mit dem Dezemberjunge da. Er auf meinem Arm, vielleicht war er gerade eingeschlafen, vielleicht schrie er noch, manchmal waren wir auch einfach zufrieden. Dann hatten wir einen sehr guten Tag, waren Nachmittags unterwegs in der Natur, der Dezemberjunge in der Trage. Nähe, unendlich viel Nähe gab es da in dieser Zeit. 

Zwischen mir und dem Dezemberjungen. 

Der Herzensmann hatte diese Nähe nicht. Er ging auf Arbeit, manchmal schliefen wir dann noch. Er kam Abends, oft auch spät. Dann war es meistens Zeit, für den Dezemberjungen, ins Bett zu gehen.  So gab es im Alltag nur sehr wenig Kuschelzeit für die Männer. Wenn der Dezemberjunge schlief, war ich müde, erschöpft und hatte ein Übermaß an Nähe und Liebe gehabt. Ich wollte dann nur auf dem Sofa sitzen, reden oder Sachen für mein Studium erledigen. Und so kam irgendwann die Frage, wie lange der Dezemberjunge wohl noch bei uns im Bett schlafen würde. Eine Frage, die ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht gestellt hätte. So wie es war, war es unglaublich praktisch für mich. Nächtliches Stillen geschah nebenbei, kein langes Schreien, bis ich das Baby hörte und ich wusste immer, ob alles gut ist, konnte, bei Zweifel, schnell schauen. Warum sollte ich daran etwas ändern? 

Es dauerte eine Weile, bis ich den wahren Grund dieser Frage erkannte. Es war unser Bett, nicht nur Schlafstätte, sondern auch Ort der Nähe und Liebe. Der Herzensmann vermisste mich. Vermisste die Innigkeit, die wir vorher hatten. Vermisste die Zeit, die wir vorher hatten. Vermisste seine Partnerin. Und, auch wenn der Erwachsene in uns versteht, warum da gerade nicht so viel Platz ist, warum ich gesättigt bin und nicht noch mehr Nähe ertragen kann (hier kam auch meine Hochsensibilität ins Spiel), sind die Bedürfnisse nach Liebe und Nähe  da. Und auch ein Verlust. Die Partnerin muss nun geteilt werden. Für den Erwachsenen Verstand logisch. Doch die Gefühle werden meist von unserem inneren Kind stark beeinflusst. Das innere Kind ist durch diesen Verlust verletzt, denn es sehnt sich meistens sehr nach Liebe. Die Männer, die nun Väter werden, sind in einer Zeit groß geworden, in der Jungs abgehärtet wurden, nicht verhätschelt werden durften und so einen Mangel an Liebe mit sich tragen. Es ist nicht verwunderlich, dass wir – unser inneres Kind – in einer Liebesbeziehung auch nach dieser Liebe suchen. Die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Eine tiefe Liebesbeziehung kann dieses Bedürfnis befriedigen. Kommt nun ein Baby in diese Beziehung, wird das Gleichgewicht erstmal deutlich gestört. Es braucht Zeit, bis sich die Waage wieder einpendelt. Eine Waage mit drei Waagschalen. 

Ist eine Reise die Freiheit?

Schon seit einer Weile fallen mir mehr und mehr Familien auf. Sie gehen mit ihren Kindern in liebevolle Beziehung. Sie begleiten ihre Kinder beim sich frei entwickeln und kommen irgendwann an den Punkt, dass sie die Koffer packen und Reisen. Es scheint die Möglichkeit schlechthin zu sein, Kindern eine freie Emtwicklung zu ermöglichen. Und es scheint Freiheit pur zu sein. Nebenbei kann man der deutschen Anwesenheitspflicht in Schulen ausweichen, den Kindern noch länger ihre Freiheit geben. 
Freiheit. 

Warum strebt alle Welt nach Freiheit? Und vor allem nach welcher? Wir leben in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. So können wir alles machen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen. Wir können wohnen wo und wie wir wollen. Wir können essen was wir wollen. Wir können, dank des Internet, uns sämtliche Informationen (sinnvoll oder nicht sei dahin gestellt) beschaffen und auch arbeiten wo wir wollen. 

Grenzenlos.

So fühlt es sich an. Das wir irgendwann an Grenzen stoßen werden, kommt dann doch vor. Und grenzenlos ist nicht Freiheit. Doch welche Freiheit streben wir wirklich an? Frei sein bedeutet für mich genau mein Ding zu machen. Frei sein ist meinen Traum zu leben. Dazu muss ich bei mir sein und wissen was mein Traum eigentlich ist.  

 Zur Zeit leben wir in eine Wohnung in eine mir Kleinstadt. Wir haben einen Garten, nette Nachbarn, sichere Arbeit und im Großen und Ganzen geht es uns gut. Trotzdem fühle ich mich immer wieder unfrei, eingesperrt und gefangen. Dann möchte ich weg. Am liebsten würde ich dann direkt in ein Auto steigen, raus fahren und unterwegs sein. So kam auch bei uns die Idee einer Reise auf. Außerdem sind wir gerne unterwegs, neugierig und es gibt so viel zu entdecken. So fingen wir an zu planen. Wir bekamen grünes Licht vom Chef des Herzensmannes. Ein gutes halbes Jahr Frei-Zeit. Schnell waren da Ideen. Dahin und dorthin und am liebsten um die halbe Welt. Ruck zuck wurde aus der Frei-Zeit, durch organisierte Zeit. Es fühlte sich gar nicht stimmig an. Freiheit sieht doch anders aus. Oder? So überdachten wir. Verwarfen Pläne und überlegten uns neue. Weniger ist mehr. Doch dann fragten wir uns, was wollen wir wirklich? Schnell war klar, dass wir am Ende der Reise am gleichen Punkt stehen würden. Denn eigentlich wollen wir etwas ganz anderes. Unser Traum sieht anders aus. 

Freiheit heißt auch sich binden (können). Wir wollen einen Ort zum Leben. Einen Ort den wir gestalten können. Einen Ort an dem wir immer wieder heim kehren können. Ein Ort der uns ernährt, körperlich wie seelisch. Ein Ort an dem wir Sein können, Wurzeln schlagen und aufblühen. Wir sind keine Zugvögel. Wir brauchen eine Heimat. 

Für uns ist eine (Langzeit)Reise nicht die Freiheit. Denn unser Traum sieht anders aus. Und auch wenn es zur Zeit sehr viele Familien gibt die Reisen, und man das Gefühl bekommt, dass ist der richtige Weg. Muss jede Familie für sich allein ihren Weg finden. Denn es gibt nicht die eine perfekte Lebensweise. Und ich habe festgestellt, dass Freiheit nicht unbedingt etwas mit einem Ort oder eben keinem Ort zu tun hat. Freiheit ist ein Gefühl. Wir fühlen uns frei oder gefangen. Und so sind wir immer dann frei, wenn wir wir Sein dürfen, mit unseren Wünschen, Träumen und Hoffnungen. Wenn wir mit unseren Besonderheiten in Liebe angenommen werden von unserem Partner und von allen Mitmenschen. Frei sind wir, wenn wir Menschen sind. Und das gilt auch für unsere Kinder. 

Auf dem Weg zu einem liebevollen und respektvollen Miteinander

Am Wochenende habe ich ein kleines Büchlein gelesen. „Der Appell des Dalai Lama an die Welt“ heißt es. Ein Interview in Buchform. Darin beschreibt der Dalai Lama seinen Ansatz für eine säkulare Ethik. Franz Alt fragt an einer Stelle: „Was sind die Grundlagen der säkularen Ethik?“

Dalai Lama: Achtsamkeit, Bildung, Respekt, Toleranz, Führsorge und Gewaltlosigkeit. 

Werte, die ich auch vertrete und meinen Kindern mit geben möchte. Doch wie kann man Respekt, Toleranz und Führsorge lernen?

Die Antwort ist simpel, doch nicht immer einfach: In dem unsere Kinder es erleben. Gehen wir respektvoll, tolerant und führsorglich mit ihnen um, werden sie es auch tun. 

Doch es ist nicht verbreitet einem Baby Kompetenzen zu zu gestehen. Es ist nicht verbreitet, dass Babys wissen und signalisieren was für sie gut und wichtig ist. Es ist nicht verbreitet Kleinkinder als vollwertige Menschen an zusehen, sie zu respektieren und sie sich selber sein zu lassen. Immer wieder sehe und erlebe ich, wie Kinder nicht Kinder sein dürfen, die Welt nicht auf ihre Weise entdecken dürfen und eigene Erfahrungen sammeln können. 

Doch wie können wir einen anderen Weg einschlagen? 

Wenn wir in Beziehung gehen zu unserem Kind, aber auch zu anderen Menschen und zu uns selbst. Wenn wir uns annehmen, wenn wir unsere Kinder annehmen wie sie sind. Wir dürfen alle Sein, in einem liebevollen und respektvollen Miteinander. Beginnen wir bei uns und unseren Kindern und es wird sich weiter und weiter ausbreiten. 

Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen. – Mahatma Gandhi

In Beziehung zu leben geht nicht gleich von Heut auf Morgen. Es ist ein Prozess. Am Anfang mit kleinen Schritten und Stück für Stück gelingt es immer besser.  

 Mir hat letztes Jahr der große „Beziehung statt Erziehung„-Kongress geholfen. Viele Experten geben in Interviews Tipps und öffnen neue Wege. Am Freitag ist es soweit, denn der Kongress läuft noch einmal und es gibt noch neue Interviews dazu. Katharina hat zehn Menschen befragt, wie Ihnen der Kongress geholfen hat. Ich bin eine von ihnen! Mein Interview könnt Ihr auch im Rahmen des Kongresses sehen. Ich bin schon ganz gespannt. 

 

Wenn Kinder nicht mehr mit machen

Kinder wollen kooperieren, heißt es überall. Ob es der „Erziehungspapst“ Jesper Juul schreibt und erzählt, oder im „unerzogen“-Konzept geschrieben steht oder bei „Mit Kinder wachsen“, alle sind sich darin einig: Kinder wollen mit machen. 

Bei uns gibt es relativ viel Freiheit, viel Vertrauen und sehr viel Liebe. Gute Grundlagen für ein gutes Miteinander. Drei Regeln zum gemeinsamen Spiel gibt es schon. 1. Hauen, Beißen, Treten sind Tabu 2. Wenn einer „nein“ sagt, weint oder irgendwie anders Unbehagen bekundet ist Schluss und 3. Spielsachen werden nicht aus der Hand gerissen, sondern es wird gefragt. Einfach. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Am Nachmittag sind wir zur Zeit meistens zu Hause. Große Unternehmungen wären zu viel für den kleinen Mann und das Wetter lässt uns den Garten genießen. Die Kinder spielen und ich wurschtle vor mich hin. Doch immerwieder gibt es Gestreite und Gezanke. Der kleine Mann reist Spielzeuge aus der Hand, brüllt das Septembermädchen an und haut auch mal zu. Wenn ich dann auf unsere wenigen aber klaren Regeln bestehe ist die Reaktion unterschiedlich. Oft werde auch ich getreten, gehauen oder sonst wie malträtiert. Das zeichnet jetzt ein denkbar schlechtes Bild vom kleinen Mann. Jedoch ist er nicht immer so. Es entspricht nicht seinem Naturell. Warum verhält er sich dann so?

Kinder kooperieren. Ja, aber irgendwann ist auch genug. Besonders, wenn sie wissen, dass sie zu Hause so sein dürfen wie sie sind. Also geliebt werden, bedingungslos. Und so ist es auch beim kleinen Mann. Im Kindergarten ist er ganz wunderbar. Er macht gut mit, hört zu, fragt nach und immer wieder höre ich von den Erzieherinnen und Eltern was für tolle Kinder das sind. Zu Hause braucht er dann mehr Freiraum und kommt schneller an seine Grenzen. Denn er hat ja schon viel kooperiert. Vielleicht nicht bei und mit mir, aber im Kindergarten. 

Und das ist der wichtige Punkt für mich. Unsere Kinder sind schon lange nicht mehr nur mit uns zusammen. Sie sind oft viel außer Haus, erleben eine Menge und dann brauchen sie einen sicheren Hafen. Einen Ort, an dem sie „sein“ können, ohne Erwartungen, ohne Ansprüche. Nur Liebe, Vertrauen und Freiraum. Das dürfen wir Ihnen geben. Nicht immer einfach, aber wertvoll und wichtig. 

„Ich geb das dann an die Leiterin weiter“

Wieder ein Kongress. Wieder Online. Wieder geht es ums Kind. Und man stellt schnell fest alles hängt mit einander zusammen. Der „Beziehung statt Erziehung“ Kongress ist wieder ein wunderbarer Input. Ich picke mir hier und da etwas raus. Schaue mir die Interviews komplett an oder spule vor. So wie es mir passt. Gestern Abend gab es mehrere wunderbare Interviews. Eins davon war das Gespräch mit Hans-Joachim Maaz. Es war wunderbar anregend, informativ und bestärkend. Er sagte unter anderem, das aus psychoanalytischer Sicht Kinder unter drei bei der leiblichen Mutter sein sollen, dann können sie sich am Besten entwickeln. Aussagen wie diese und andere bestärken mich ungemein. Mein Bauch sagt mir das Gleiche und es tut gut es auch von anderen zu hören. Aus diesem Grund ist das Septembermädchen auch wieder zu Hause. Seit Anfang Mai machen wir alles gemeinsam. Ich vermisse es nicht sie jeden Morgen weg zu bringen. Ich habe sie gerne um mich. 

Nicht immer ist alles einfach. Wir lernen noch. Zum Beispiel mein regelmäßiger Putztag. Das Septembermädchen putzt gerne mit. Auch das ist kein Problem. Sie holt sich selbständig einen Lappen und macht ihn nass. Was?! Nass?! Woher hat sie das Wasser? Ich ahne es schnell und finde es nicht mehr ganz so toll, dass sie mir hilft. Sie tapst zum Klo, taucht tief ein und schon hat sie ihren Wischlappen nass gemacht. Also schnell alles halbwegs in Ordnung bringen, Klotür wieder zu und weiter geht’s. Aufräumen, Staubsaugen und auch Bad und Klo sind bald gemacht. Das Wetter ist schön und so kann ich sie in den Garten entlassen, während ich noch schnell wische. Es geht also. Heute haben wir das ganze dann mit zwei Kindern getestet. Auch das geht. 

Zurück zu dem Interview gestern Abend. Eine schöne Formulierung war auch „Kindergärten, die zu pädagogisch sind“. Gleich hatte ich unseren im Kopf. Noch. Denn wir haben einen Neuen gefunden. Ab Juli wird es also wieder spannend. Wird sich etwas ändern? Wie werden wir uns da einfinden? Fragen. Doch ich bin entspannt. Ich habe ein gutes Gefühl und nur das zählt. Bis dahin ist der kleine Mann viel zu Hause. Im Moment sind Kindergartenferien, danach fahren wir in den Urlaub und dann sind es nur noch zwei Wochen. Den Kindergarten vermisst er nicht. Er sagt gerade jeden Morgen, „Ich will nicht in Kindergarten gehen!“ Das freie Kinderhaus, wo er ab Juli hin gehen darf, erwähnt er allerdings oft.

Ja, und das beste Beispiel wie Beziehung nicht geht, liefert mir auch unser alter Kindergarten. Beim abgeben der Abmeldung meint die Bezugserzieherin vom kleinen Mann nur: „Ich geb das dann an die Leiterin weiter.“ Punkt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. 

Es ist nicht Klammern oder nicht loslassen können 

Vor einer Weile bekam ich eine liebe E-Mail von einer sehr guten und langjährigen Freundin. Ich freue mich immer sehr, wenn ich etwas persönliches höre, denn leider ist der Kontakt zu einigen Freunden recht spärlich geworden. Sicher aus unterschiedlichen Gründen und nicht mit Absicht, sondern aus einem reichen Alltag heraus und einer großen räumlichen Entfernung. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, sondern um etwas, was meine Freundin in ihrer E-Mail schrieb und mich lange beschäftigte. Es ging um das Loslassen, sein Kind abgeben, weggeben und bei dem Kind sein. Nur ein Nebensatz, keine Wertung oder irgendwas in die Richtung, sondern eine Feststellung bzw. Beobachtung meiner Freundin meines Verhaltens. Ihr schien es, dass ich beim kleinen Mann weniger loslassen konnte, als beim Septembermädchen. 

Dazu möchte ich etwas ausholen. Denn die Frage ist, was bedeutet loslassen. Heißt es wirklich, dass man sein Kind abgeben kann, dass man das Kind recht früh in andere Arme gibt, dass man sich räumlich von dem Kind trennen kann. Wenn ja, dann heißt es im Umkehrschluss, wer das nicht kann klammert an seinem Kind, kann es nicht loslassen. Und damit macht die gesellschaftliche Norm einem Glauben, dass man seinem Kind schadet. Doch ist das wirklich so? Worum geht es eigentlich? Ums loslassen? 

Als der kleine Mann geboren wurde, handelte ich aus dem Bauch heraus. Ich hatte keine Ahnung. Ich habe ihn getragen, gestillt und er hat bei uns im Bett geschlafen. So war es praktisch und gemütlich. Meine Hebamme erzählte uns in den ersten Tagen von windelfrei, da ich ihr erklärte: „er ist so unruhig, ich glaub der muss aufs Klo“. Wir haben uns lange im Wochenbett verkrümmelt, nach vier Tagen ist er mal kurz in ein anderes Zimmer mit gekommen. Langsam ging es für ihn in eine aufregende neue Welt. Als nach ungefähr sechs Wochen meine Eltern zu Besuch kamen, war meine Mutter die erste „fremde“ Person, die ihn auf den Arm nahm. Bis dahin war er in den Armen des Herzensmannes und mir unterwegs. Ab und an merkte ich vor allem von älteren Freunden, die keine Kinder hatten, dass ich da ja schon etwas komisch wäre. Ich würde Klammern. Doch dieses Gefühl hatte ich nicht. Ich wusste, da ist ein kleiner Mensch zu uns gekommen und wir dürfen ihn begleiten, ihm einen sanften Start ins Leben geben. Ich versuchte auf meinen Bauch zu hören und ihm seine Bedürfnisse zu stillen. Mehr braucht es nicht. Und so, machten wir uns als Familie auf unseren Weg, zu einem bedürfnissorientiertem Umgang. Dazu gehört eine gute Bindung und Beziehung. Die Bindung wird in der Regel in den ersten innigen Monaten geschaffen. An der Beziehung muss man arbeiten. Jeden Tag. Das ist nicht leicht, denn es heißt vor allem sich selber in Frage zustellen und zu reflektieren. Wir sehen unsere Kinder nicht als unfertige Menschen, die wir formen und gestalten können. Sie sind, wie sie sind, genau richtig. Wir geben ihnen Raum zum Entfalten und Entwickeln. Ein bisschen wie bei einem Schmetterling. Er ist in seinem Kokon fertig, schlüpft und entfaltet langsam seine Flügel. Bei uns Menschen dauert das Entfalten nur viel länger.

Zurück zum Loslassen. Irgendwann beginnt das Kind sich zu bewegen und die Welt erkunden. Hier zeigt sich, sehr gut,ob man loslassen kann. Denn das Kind beginnt nun mehr und mehr sich von der Mutter/dem Vater weg zu bewegen. Erst robbend, dann krabbelnd und irgendwann laufend. Es wird auf Hindernisse stoßen und mögliche Gefahrenquellen. Da ist die Leiter zum Hochbett des Bruders, die Kellertreppe, der Ofen und vieles mehr. Das Kind, wenn es eine gute Bindung hat, vertraut sich selbst und testet aus. Wie weit kann ich gehen? Wie weit traue ich mich? Hier muss nun die Mutter/der Vater loslassen und vertrauen. Wenn dieses Vertrauen da ist, geht das Kind sehr bald eigene Wege und weiß „Da ist immer jemand da“. 

Es ist also kein Klammern, wenn ich meine anderthalb Jahre alte Tochter bei der Tagesmutter wieder abmelde, weil ich merke, dass wir noch nicht so weit sind. Es ist kein Klammern, wenn ich meinen dreijährigen Sohn in den Schlaf begleite und ihm die Hand halte, weil ich weiß, das er dieses Bedürfnis hat. 

Und ich weiß, dass ich loslassen kann. Sonst wäre meine Tochter nicht sämtliche Leitern und Treppen hoch geklettert und in einem Affenzahn rückwärts runter gerutscht, bevor sie laufen konnte. Sonst würde ich nicht so gelassen und entspannt neben dem Spielplatz sitzen, wenn der kleine Mann auf der Spitze des Kletterturms sitzt. Ich würde meine Kinder nicht bei einer Freundin einfach in den Garten lassen, ohne das ich diesen auch nur annähernd überblicken kann. Ich lasse sie los und lasse sie frei, ihre Wege zu gehen. Dabei habe ich Vertrauen in meine Kinder und in ihre Fähigkeiten. Ich weiß, dass sie sehr wohl einschätzen können, was sie schaffen und was nicht. Und sie wissen, ich bin im Zweifelsfall da. Es ist also Bindung und Beziehung und eine extra Portion Vertrauen. 

Armer Papa!

Mein Sohn ist im Moment ein Muttersöhnchen. Eigentlich kein Problem. Denn ich bin normalerweise die Hauptbetreuungsperson, so das es nicht einmal aufgefallen wäre. Aber nun sind wir nicht mehr alleine zu zweit. Nicht mehr der kleine Mann und ich. Wir sind jetzt für eine kurze besondere Zeit zu dritt. Jeden Tag. Und da fällt es auf. Denn der Papa möchte die Zeit intensiv mit seinem Sohn verbringen. Die Mama entlasten. Denn Alltag mit Kind er-leben. Meistens funktioniert das auch ganz gut. Ich übe mich im Abgeben. Die Männer können sich ihre eigenen Rituale, Wege für die verschieden Aktionen suchen. Doch immer wieder sagt der kleine Mann: Hey, so nicht. Jetzt reicht’s, ich will meine Mama. Situationen, die eigentlich überhaupt kein Problem sind. Zu Hause, am Wochenende, auch schon nur von den beiden gemeistert wurden.
Einschlafen zum Beispiel geht gar nicht mit Papa. Da wird ein Theater gemacht und geschrien. Kaum aus zuhalten. Besonders, wenn ich im Nebenzimmer sitze und das Theater schnell beenden kann. Komme ich dann ins Zimmer wird erstmal gegrinst. Dann ein bisschen weiter Theater gemacht, weil ich ihn nicht schnell genug auf den Arm nehme. Ist er dann bei mir, ist alles gut. Er grinst den Papa an und freut sich. Je nach Situation auch meistens relativ schnell eingeschlafen. Für den großen Mann ist das so gar nicht leicht. Denn es ist oft nicht nur das Einschlafen ein Problem. Auch über den Tag verteilt gibt es immer wieder Situationen, in denen er partout nicht bei ihm sein möchte. Das ist für das Papa-Ego ganz schön schwer aus zuhalten. Inzwischen geht es besser. Er kann auch mal drüber Lächeln. Aber eigentlich macht es ihn traurig. Denn er hat einen hohen Papa-Anspruch an sich selber.
Ich konnte ihm versichern, dass es in ein paar Jahren ganz anders sein wird. Schließlich ist er ja noch ein Baby. Mit diesem Wissen lässt sich das aushalten. Gerade so. Einen kleinen Stich in der Herzgegend wird es sicher trotzdem geben.