Von unserem Weg, ein Stück 

 Schon lange sind beide Kinder müde. Der Dezemberjunge kommt mit mir rein, um zeitig zu essen und ins Bett zugehen. Auch das Septembermädchen folgt. Essen und die Badroutine kein Problem. Müde Augen, ich helfe beiden. Dann im Bett noch während der Gute-Nacht-Geschichte, oft davor, legt sich ein Schalter um. Plötzlich scheinen beide gar nicht mehr müde. Sie hampeln und strampeln, machen Quatsch und kichern. Sie sind weit weg. Ich versuche sie zu erreichen. Keine Chance. Irgendwann klappt es vielleicht. Oft genug geht es so lange, bis einer sich weh tut. Oder sich auch bei mir ein Schalter umlegt. Denn ich „weiß“ sie sind müde. Ich „weiß“ sie müssen zeitig schlafen, denn es war die letzten Abende spät, oder morgen ist ein anstrengender Tag, oder oder oder. Und dann halte ich fest, packe zu doll zu, drücke auf die Matratze, lege sie unachtsam wieder hin, Schreie sie an, oder habe bittere Blicke und schicke einen von beiden raus. 

Ich verletze sie. 

Ich sehe mir zu und finde mich lächerlich. Es ist lächerlich meine „Macht“ so auszunutzen, spielen zu lassen. Ich finde mich abscheulich in diesen Momenten. Ich bin gemein. 

Und nun liege ich mit schlechtem Gewissen neben meinen Kindern. Warte das sie einschlafen. Wenn ich mich zum Dezemberjunge drehe, dreht er sich weg. Also liege ich mit dem Rücken zu ihm, reiche ihm meine Hand. Er hält sie. Ein kleiner Anker. Ein kleiner Trost. Doch ich weiß, wie sehr ich ihn verletzt habe. Ich kann nur ahnen, wie tief diese Wunde auf seiner Seele ist. Ich fühle mich schlecht und traurig. Ich könnte heulen. Wieder hat sich diese Stimme Bahn gebrochen. Diese Stimme, die meint sie wüsste wie es läuft. Doch am Ende ist da nur ein Scherbenhaufen. 

Wieder denke ich dann, eigentlich weißt du es doch. Du weißt doch, dass es so nicht funktioniert, dass du so nur kaputt machst. Das ist der falsche Weg! Ich höre in meinem Kopf die Stimmen: „sei gnädig mit dir, du bist auf dem Weg, wir sind nur Menschen, Vertraue in dich und deine Kinder und in deine Liebe“. Ich höre und versuche sie an zunehmen. Doch ich schaff es nicht. Nicht in diesem Moment. Ich bin enttäuscht. Enttäuscht von mir. Ach, und da ist es wieder dieses Muster. Ich sehe es. Doch wie kann ich da raus?

Geduld und Liebe. 

Liebe in mich und meine Kinder. Vertrauen. Doch wo ist die Liebe in diesen Momenten. Da ist sie nicht. Wer packt und brüllt und anders verletzt, der liebt nicht. Nicht in diesem Moment. In diesem Moment ist nur mein Wille. Festgefahren und zementiert. Da ist kein Raum für Achtsamkeit, aufeinander zu gehen und Bedürfnisse beachten. 

Und am Ende bin ich genauso schlau wie am Anfang. Denn ich weiß, es ist mein Problem. Doch die Lösung habe ich noch nicht. Die Theorie ist mir bekannt, doch wie sieht es in der Praxis aus? Vertraue dir. Du musst nichts perfekt machen. Und dann ist da ein warmes Gefühl und Dankbarkeit. Dann bin ich mir wieder sicher, die Lösung liegt hinter der nächsten Biegung auf unserem Weg. 

Auf dem Weg zu einem liebevollen und respektvollen Miteinander

Am Wochenende habe ich ein kleines Büchlein gelesen. „Der Appell des Dalai Lama an die Welt“ heißt es. Ein Interview in Buchform. Darin beschreibt der Dalai Lama seinen Ansatz für eine säkulare Ethik. Franz Alt fragt an einer Stelle: „Was sind die Grundlagen der säkularen Ethik?“

Dalai Lama: Achtsamkeit, Bildung, Respekt, Toleranz, Führsorge und Gewaltlosigkeit. 

Werte, die ich auch vertrete und meinen Kindern mit geben möchte. Doch wie kann man Respekt, Toleranz und Führsorge lernen?

Die Antwort ist simpel, doch nicht immer einfach: In dem unsere Kinder es erleben. Gehen wir respektvoll, tolerant und führsorglich mit ihnen um, werden sie es auch tun. 

Doch es ist nicht verbreitet einem Baby Kompetenzen zu zu gestehen. Es ist nicht verbreitet, dass Babys wissen und signalisieren was für sie gut und wichtig ist. Es ist nicht verbreitet Kleinkinder als vollwertige Menschen an zusehen, sie zu respektieren und sie sich selber sein zu lassen. Immer wieder sehe und erlebe ich, wie Kinder nicht Kinder sein dürfen, die Welt nicht auf ihre Weise entdecken dürfen und eigene Erfahrungen sammeln können. 

Doch wie können wir einen anderen Weg einschlagen? 

Wenn wir in Beziehung gehen zu unserem Kind, aber auch zu anderen Menschen und zu uns selbst. Wenn wir uns annehmen, wenn wir unsere Kinder annehmen wie sie sind. Wir dürfen alle Sein, in einem liebevollen und respektvollen Miteinander. Beginnen wir bei uns und unseren Kindern und es wird sich weiter und weiter ausbreiten. 

Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen. – Mahatma Gandhi

In Beziehung zu leben geht nicht gleich von Heut auf Morgen. Es ist ein Prozess. Am Anfang mit kleinen Schritten und Stück für Stück gelingt es immer besser.  

 Mir hat letztes Jahr der große „Beziehung statt Erziehung„-Kongress geholfen. Viele Experten geben in Interviews Tipps und öffnen neue Wege. Am Freitag ist es soweit, denn der Kongress läuft noch einmal und es gibt noch neue Interviews dazu. Katharina hat zehn Menschen befragt, wie Ihnen der Kongress geholfen hat. Ich bin eine von ihnen! Mein Interview könnt Ihr auch im Rahmen des Kongresses sehen. Ich bin schon ganz gespannt. 

 

Gedanken

* Ich stelle fest, dass der kleine Mann zu viel hat. Zu viel Auswahl. Zu viel Neues. Zu viele Situationen, mit denen wir alle erst noch lernen müssen umzugehen. Er möchte alles haben. Bekommt Wutanfälle oder ist weinerlich, wenn er es nicht bekommt. Weniger ist mehr.

* Der erste bewusst erlebte Advent des kleinen Mannes. Es ist schön in leuchtende Kinderaugen zu sehen. Dieses Staunen über all die Lichter und die vielen Besonderheiten in dieser Zeit. Gleichzeitig merke ich, wie wichtig mir manche Traditionen sind. Das für mich manches selbstverständlich ist. Aus meiner Familie. Wir in unserer Kleinfamilie uns unsere Traditionen schaffen müssen. So wie sie für uns passen. Dazu gehört alte mit zu bringen aus beiden Familien. Aber auch neue für uns zu entdecken.

* Eltern sein ist anstrengend und schön. Bin nur ich für die Kinder da ist vieles klarer für uns alle. Einige Sachen funktionieren einwandfrei. Sind wir zu viert ist dies dann plötzlich anders. Der kleine Mann läuft nicht mehr so gut. Will viel mehr getragen werden zum Beispiel. Auch merke ich die unterschiedlichen Umgangsweisen von mir und dem Herzensmann mit verschiedenen Situationen. Ich halte mich zurück. Lasse ihn seinen Weg finden. Manchmal ist das sehr schwer und ich muss mir es sehr bewusst machen. Ich frage mich ob ich etwas sagen soll. Denke nicht vor den Kindern und vergesse bis zur nächsten Gelegenheit was es genau war. Weiß nur noch da war was. Aber was. Also lass ich es.

* Es kommt die Zeit bzw. ist schon da des Abgrenzens und sich selber als eigenständige Person sehen. Oft hört man hier „Nein“ vom kleinen Mann. Wutanfälle sind regelmäßig zu erleben. Ich versuche auch ein „Nein“ zu akzeptieren. Denn ich möchte, dass er mein „Nein“ ebenso akzeptiert und sich dran hält. Ich versuche ihm zu zeigen, dass ich verstehe warum er wütend ist in den Situationen. Versuche eine Lösung zu finden. Auf ihn einzugehen. Nicht immer ist es leicht. Nicht immer kann und will ich sein „Nein“ akzeptieren. Manche Dinge müssen sein. Ich frage mich wie ich tägliche Wutanfälle und Geschrei bei den immer gleichen Situationen umgehe. Frage mich warum plötzlich das zu-Bett-gehen wieder Theaterschauplatz ist. Frage mich warum erst Geschrei gemacht wird und es plötzlich doch funktioniert. Es ist schließlich jeden Abend das Selbe. Schon immer.

* Ich merke das ich immer entspannter werde. Versuche mich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen die meist eh nicht wichtig sind. Ich sehe Entwicklungen bei mir und dem kleinen Mann. Wachstum ist sichtbar. Daher versuche ich mir immer wieder klar zu machen. Wir sind noch eine junge Familie. Zeit. Es ist noch so viel Zeit.

* Ich erinnere mich an Familie und wünsche mir für meine kleine Familie auch diese schöne Beziehung. Möchte viele Sachen ähnlich machen. Finde gut was für mich als Kind damals klar war und hoffe meinen Kindern auch diese Klarheit geben zu können. Bin dankbar für meine Erfahrungen mit meiner Familie und glücklich sie zu haben.

Fundstück: Erziehungs-ABC

Ein Auszug:

D
dankbar dürfen Eltern sein, Kinder zu haben, Kinder Schulden den Eltern hingegen keinen Dank

E
Ehrgeiz mögen Etern in eigene Leistung umsetzen und nicht an ihrem Nachwuchs abarbeiten

J
Jugend -Jargon muss erduldet werden, aber Kinder finden es peinlich, wenn Eltern sich diesen Jargon selbst zu legen

K
Kinderzimmer aufräumen ist Kindes Pflicht, doch welcher Zustand als „aufgeräumt“ gelten darf, bestimmt der Bewohner des Zimmers

Mein Favorit:
Q
Mit einem Kind, das nie Quatsch macht, sollte man schleunigst zum Psychologen gehen.

Und hier gibt es das komplette ABC