Aus Funk und Fernsehen

Vor genau einer Woche war der Abschied. Heute möchte ich noch zwei Links aus dem SWR mit Euch teilen. Ich finde es gut, dass auch die Presse das Thema aufgreift. 

Hier findet sich ein kleiner Beitrag aus dem Fernsehen und hier ein Interview aus dem Radio, auf genommen während unserer Feier. 

Abschied (in) guter Hoffnung

10 Jahre. 300 Kinder. 

Das ist die Bilanz „unserer“ Hebamme. Heute haben wir sie verabschiedet, wir haben Danke gesagt und ein Zeichen gesetzt.
 
Viele sind gekommen. Eingeladen vom Mother Hood.eV. So konnten wir ein Zeichen setzen und aufmerksam machen. Aufmerksam machen darauf, dass Hebammen ihre Arbeit niederlegen. Das Land verlassen, um ihrer Arbeit, ihrer Berufung nach zu gehen. Aufmerksam machen darauf, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen, um gute legale Hebammenarbeit leisten zu können. Aufmerksam machen darauf, dass die Wahlfreiheit des Geburtsortes nicht mehr gegeben ist. Die selbstbestimmte Geburt und ein guter Start ins Leben gefährdet sind. 

 Abschied in guter Hoffnung. 

Ja, es war ein Abschied, doch wir haben Hoffnung. Wir hoffen, dass wir lauter werden. Wir hoffen Augen zu öffnen. Wir hoffen darauf, dass Hebammen in Deutschland wieder gerne das tun können, was sie können und wollen: Menschen, Familien einen guten Start ins Leben geben. 

Heute war ein besonderes Ereignis. Wunderschön, sehr bewegend und aufrüttelnd -hoffentlich. Ein Abschied. Ein Ende und hoffentlich auch ein Neubeginn. 

„Unsere“ Hebamme arbeitet nun in der Schweiz in einem Geburtshaus. Dort hat sie einen neuen Wirkort gefunden der zu ihr passt. Wir wünschen ihr alles Gute. Vielen Dank, dass du uns zwei Mal so wunderbar begleitet hast. 

2500 € für einen guten Start ins Leben

Beim Abendbrot rief mich meine Hebamme an und gab mir die Zahlen durch, um die ich sie gebeten hatte. Die Kosten der Betreuung während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett. Pro Kind knapp 2500 €. Diese Summe bezahlt die Krankenkasse bei einer Hausgeburt und der Betreuung vor und nach der Geburt durch die Hebamme. Nicht mit eingerechnet sind die Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt. Derer waren es wenig. Genau drei beim Septembermädchen. Beim kleinen Mann waren es etwas mehr, da ich am Anfang der Schwangerschaft die Vorsorgeuntersuchungen noch nicht von der Hebamme machen ließ und die Frauenärztin bei jedem Termin ein Ultraschall gemacht hat, der nicht notwendig war. 2500 € für einen guten Start ins Leben. 

Dieser gute Start ins Leben wird nicht mehr lange möglich sein. Schon lange sind Hausgeburten Glückssache. Nicht überall gab und gibt es Hebammen die Hausgeburten anbieten. Nun werden es noch weniger werden. Warum? Zum einen ist die Frage der Versicherung immernoch nicht geklärt (mehr lesen). Und es gab einen Schiedsspruch. Dieser legt fest, dass bei einer Terminüberschreitung von mehr als drei Tagen ein Arzt entscheiden muss, ob eine Hausgeburt noch möglich ist. Dies erzählte mir meine Hebamme am Telefon. Sie schaut sich inzwischen nach Stellen um. Wer weiß wie lange sie noch Hausgeburten anbietet, unter diesen Bedingungen. Und ich frage mich was das soll. 

Zum einen werden Hebammen genau dafür ausgebildet. Sie sind am Besten in der Lage eine Schwangerschaft zu beurteilen. Egal ob drei Monate vor dem Geburtstermin, drei Wochen oder drei Tage genauso wie nach dem Termin und auch hier gehe ich bis zu drei Wochen nach dem errechneten Termin. Wir haben ein aktuelles Beispiel im Freundeskreis. 19 Tage nach dem Termin kam ein gesundes Baby zu Hause auf die Welt. Alles war bestens, auch Käseschmiere war noch auf dem Rücken. Im Krankenhaus wollten sie direkt einleiten und pipapo, als meine Freundin zur Kontrolluntersuchung war. Diese empfiehlt die Hebamme auch. 

Zum anderen ist eine Hausgeburt nicht risikoreicher. Auch hier für ist die Hebamme perfekt ausgebildet. Ich habe mich bei beiden Geburten sehr sicher gefühlt. Der Abstecher ins Krankenhaus, nach der Ersten, um den Riss nähen zu lassen, war für mich die Hölle. Ich kann mir auch nicht vorstellen, bei Wehenbeginn irgendwo anders hin zu gehen, als in mein Bett und es mir da gemütlich zu machen. Aber da sind alle Frauen anders. Meine Freundin schwört auf die Wassergeburt und vorher laufen, laufen, laufen. Andere Knien, stemmen sich in Türrahmen oder was weiß ich nicht alles. Letztendlich wären die Geburten meiner Kinder sicher nicht so schön gewesen, wenn ich im Krankenhaus gewesen wäre. 

Und ich will da auch nicht hin. Unter diesen Umständen würde ich kein Kind bekommen wollen. Ja, ich bin froh schon zwei Kinder zu haben. Ein Drittes? Momentan noch  im Gespräch, ich bin ehrlich. Drei waren eigentlich unser Familientraum. Wenn ich keine Hausgeburt machen könnte und keine Versorgung durch eine Hebamme habe, werde ich nicht noch ein Kind bekommen. Echt jetzt! Ich lasse mir nicht vorschreiben wie und wo ich mein Kind bekommen werde. Dann lieber gar keins. 

Ach da war ja noch was. Deutschland hat ja so eine niedrige Geburtenrate und möchte mehr für Frauen und Familien tun. Für mehr Kinder und so. Na dann mal los. Es gibt noch viel zu tun. 

Warum ich mich für eine Hausgeburt entschieden habe

Alles begann vor ungefähr 2 1/2 Jahren. Ich war mit dem kleinen Mann schwanger. Am Anfang ging ich ganz normal wie fast jede Frau zu den Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt. Irgendwann beschäftigte ich mich dann auch mit Geburt und ganz wichtig Geburtsort. Aber eigentlich stand für mich das Thema nie in Frage. Meine Kinder kommen zu Hause auf die Welt. Dort wo ich mich wohl fühle, geborgen bin. So machte ich mich auf die Suche nach einer Hebamme und wurde fündig. Ich fasste schon bei unserem ersten Termin Vertrauen. Wusste ganz instinktiv, das sie die Richtige (bei uns auch die einzige Hausgeburtshebamme, es musste also passen) ist. Mit ihrer entspannten unkomplizierten Art bestärkte sie mich in meiner Entscheidung und überzeugte den Herzensmann. Damals war alles nur ein Gefühl oder mein Instinkt. Heute nach der zweiten Hausgeburt kann ich vieles in klarere Worte fassen. Damals war es einfach nur ein Zweifeln, dass eine Geburt nichts im Krankenhaus zu suchen hat. Schließlich ist eine Geburt keine Krankheit. Dann schon eher ein Geburtshaus oder eine ähnliche Einrichtung. Heute weiß ich: es sind die vielen kleinen Dinge.

Angefangen bei der Umgebung. Ja, ich habe einen Kreissaal gesehen und man hat sich da viel Mühe gegeben. Aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Schon allein die Vorstellung mich in diesem Raum ganz zu öffnen und mein Kind zu gebären, ähm… Nein, dass könnte ich nicht.
Dann habe ich nicht eine Bezugsperson die mich kennt und der ich vertraue. Es sind je nach Situation verschiedene Personen anwesend. Alle sehen mich in einer der intimsten Situationen die es gibt. Alle sehen mich nackt. Denn das ist man während der Geburt, auch wenn man noch was an hat. Man gibt sich ganz seinem Körper hin und hilft ihm die Arbeit zu tun. Da möchte ich nicht von jedem beobachtet werden.
Ist die Geburt geschafft darf das Baby, wie von den Eltern gewünscht direkt zu den Eltern. Es wird nicht gleich die Nabelschnur abgeklemmt und sonst welche Untersuchungen gemacht. Alles zu seiner Zeit. Auch das ist je nach Krankenhaus verschieden. Und das Beste bei einer Hausgeburt. Ich bin zu Hause und kann einfach in mein Bett kriechen oder darin liegen bleiben. Ich muss weder mit Wehen irgendwohin, noch danach direkt nach Hause oder das Zimmer wechseln. Überhaupt mit Wehen irgendwohin fahren auch das kann ich mir nicht vorstellen. Zum Einen möchte ich während einer Wehe meinen Körper spüren, mich konzentrieren und meine Arbeit machen. In einem Auto? Nein, danke. Zum Anderen ging es wo beiden Kindern recht schnell. Da müsste man ja mit der ersten Wehe los fahren, um rechtzeitig dort zu sein wo man sein möchte.
Bei beiden Kindern habe ich erst im Nachhinein von zwei scheinbar gängigen Praktiken gehört. Der kleine Mann war ein Prachtkerl mit reichlich 4kg. Mir wurde erzählt, dass bei Kindern über 4kg gerne ein Kaiserschnitt gemacht wird. Rein prophylaktisch. In wie fern das stimmt weiß ich nicht. Aber ich weiß, das ich kein Kaiserschnitt haben möchte, wenn es nicht absolut notwendig ist. Das Septembermädchen war da ganz anders. Klein und zart mit 2.400g. Von einer Bekannten erfuhr ich, dass eines ihrer Zwillingsenkel in den Brutkasten musste mit 2.600g. Da wäre unser Mädchen dann wahrscheinlich auch gelandet. Und ich hätte es nicht ausgehalten.
Die meisten Kinder nehmen in den ersten Tagen ein bisschen ab. Unser Septembermädchen hatte bereits am vierten Tag 80g zugelegt. Wie das beim kleinen Mann war weiß ich nicht mehr. Aber ich habe nicht in Erinnerung, dass er sehr an Gewicht verloren hätte.
Und dann gehört zu einer Geburt meistens noch der Vater des Kindes, wenn beide das wünschen, dazu. Bei uns hat der Herzensmann bei beiden Geburten für mich eine wichtige Rolle gespielt. Er kennt mich wie kaum sonst jemand. Er hat mir den Rücken gestärkt und ich konnte seine Kraft mit nutzen. Auch er muss sich wohlfühlen. Muss wissen wo er was findet, wenn etwas gebraucht wird. Auch er muss bei einer so aktiven Rolle während der Geburt bei sich sein können.

Viele kleine erstmal unwichtige Aspekte werden zu einem großen Ganzen und geben den Ausschlag. Es gibt noch mehr Gründe und Punkte die für eine Hausgeburt sprechen. Zum Teil wissenschaftlich oder statistisch belegt. Doch diese sind für mich wichtige Punkte. Und am Ende muss jede Frau, jedes Paar selber entscheiden wo es sein Kind zur Welt bringen möchte. Und da beginnt es zum Problem zu werden. Meine Hebamme erzählte mir heute, dass in unserem Kreis 40% weniger Hebammen auf der Hebammenliste für 2015 stehen als noch in diesem Jahr. Bereits in diesem Jahr hat nicht jede Frau eine Hebamme gefunden. Von Hausgeburtshebammen ganz zu schweigen. Wenn es eine Rote Liste für bedrohte Berufe gäbe, dann würde „Hebamme“ an oberster Stelle stehen. Denn wenn sich nichts ändert droht allen freiberuflichen Hebammen ein Berufsverbot ab Juli 2015. Das heißt alle Frauen die ab jetzt schwanger werden haben ein Problem. Sie haben keine Wahlfreiheit mehr. Darum liebe Politiker bekommt endlich den Arsch hoch (Entschuldigung aber mit anderen Worten kann ich das nicht sagen) und rettet unsere Hebammen.

Deutschland möchte keine Kinder

So scheint es mir. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Babyboom ohne Hebammen geben wird. Ich möchte nicht ohne meine Hebamme gebären. Ich möchte auch nicht im Krankenhaus gebären, wenn es nicht aus irgendwelchen Problemen notwendig ist. Genauso wenig möchte ich auf die individuelle Vorbereitung und eigentlich viel wichtiger die Wochenbettbetreuung verzichten. Doch ab nächstes Jahr wird das scheinbar der Fall sein. Wieso?

Erst wurden die Haftpflichversicherungsbeiträge erhöht und werden ab Juli 2014 erneut um 20% steigen. Das führte bereits zu Protesten auf Seiten der Hebammen und es gab einige Hebammen, die ihren Beruf aufgegeben haben/werden. Hauptsächlich sind Hebammen betroffen, die Hausgeburten durch führen. Für sie wird es einfach zu teuer. Nun hat vor einigen Tagen die letzte Versicherung – die Hebammen versichert – angekündigt es ab 2015 nicht mehr zu tun. Das bedeutet, dass es keine Hebammen mehr geben wird. Denn in Deutschland ist es gesetzlich verankert, dass Hebammen nur mit einer Haftpflichtversicherung arbeiten dürfen. Keine Hebammen mehr heißt auch, keine Hausgeburten, keine Geburtshäuser, keine Vorbereitung und Vorsorgeuntersuchungen durch Hebammen, keine Wochenbettbetreuung, denn da arbeiten sie Freiberuflich. Im Krankenhaus sind Hebammen angestellt und auch über das Krankenhaus haftpflichtversichert. Aber auch da gibt es ein Problem. Im Schadensfall sind sie nicht genug abgesichert und ihr Privatvermögen wird herangezogen. Oder die Haftpflichtversicherung, die sie extra abgeschlossen haben. Es ist also die Frage, wie viele Hebammen ihren Beruf so sehr lieben, dass sie das Risiko in Kauf nehmen mit ihrem Privatvermögen zu haften.

Ein Problem, wo es scheinbar keine Lösung gibt. Außer die Politik wird tätig. Doch die halten sich zurück. Seit der Ankündigung gab es zwar ein Gipfeltreffen von Hebammen und Gesundheitsminister Gröhe. Aber keine Aktion, die den Zustand in Zukunft ändert.

Wo es Reaktionen gibt ist von den Hebammen. Denn sie möchten ihre Berufe weiter ausüben. Es gibt eine Petition, eine Facebook-Aktion und ab morgen auch Demonstrationen. Infos und die Petition findet ihr hier. Auch in einigen Medien wurde bereits berichtet unter anderem auf Spiegel Online. Mehr Infos gibt es auch auf dem Hebammenblog und natürlich bei Hebammenunterstützung.de.

Ich hoffe, dass wir gemeinsam etwas bewegen können. Das wir mit vielen Stimmen und Aktionen der Regierung zeigen können, dass wir unser Recht auf eine freie Wahl des Geburtsortes weiter haben wollen. Das es uns nicht egal ist, wenn ein so wichtiger Berufsstand verschwindet. Darum unterstützt, unterschreibt und teilt.