Zwischen Himmel und Erde

Es ist ein herrlicher Urlaubstag. Der Himmel ist blau. Es geht eine leichte Brise. Wir fahren mit den Rädern bis ins sechs Kilometer entfernte Wieck a. D. Der Weg führt uns erst durch Born, am Hafen vorbei. Wir bewundern die kleinen mit Reed gedeckten Häuser. Dann führt uns der Weg zwischen Birken und Entwäserungsgräben entlang. Es ist idyllisch. Ich fühle mich wie bei Madita. Das Septembermädchen und ich summen Idas Sommerlied. In Wieck fahren wir bis zum Hafen, denn wir wollen die Zeesboote sehen. Schon im Borner Hafen konnten wir sie über den Bodden fahren sehen. Dann machen wir uns wieder auf den Rückweg. Es gibt noch einen Kuchenstopp. Mit neuer Energie fährt der Dezemberjunge auch gleich viel schneller. Langsam kommt Wind auf. Das Septembermädchen ist müde und ihr ist eisbatzenkalt. Hinten auf dem Fahrradsitz ohne Bewegung wird es nun frisch. Wir unterhalten uns, dass wir direkt eine warme Dusche nehmen, wenn wir auf dem Campingplatz sind und was wir zum Abendbrot machen. Zwischen all diese Unterhaltungsgedanken schleichen sich bei mir plötzlich Gedanken an die Hühner. Wie es ihnen wohl geht? Ob unsere Hausmitbewohner zurecht kommen? Ach, na klar, denke ich. Sonst hätten wir schon längst etwas von ihnen gehört. Dann sehen wir die Kites auf dem Bodden. Das Septembermädchen und ich sind da. Die Männer sind noch zum Kaffee kaufen abgebogen. So gehen wir zum Duschen. Das Septembermädchen genießt das warme Wasser. Die Haare werden auch gewaschen und dann unter dem Handföhn bei den Klos trocken gepustet. Während wir das Abendessen vorbereiten, kommen die Männer zurück. Wir essen wie immer später und dann bring ich das Septembermädchen ins Bett. Der Dezemberjunge geht noch duschen. Zwischen durch werfe ich ein Blick auf mein Telefon. Akku-Ladung 3%. Na dann, Gute Nacht.

Am nächsten Morgen schaut der Herzensmann auf mein Handy. Der Akku hat über Nacht weitere 2% eingebüßt. Oh! Sagt er. Eine Nachricht von unserer Hausmitbewohnerin. Ich soll sie mal anrufen. Sofort springt das Gedankenkarussell an. Doch eigentlich ist mir schon klar was passiert ist. Zuerst muss mein Telefon ein bisschen frühstücken. Und wir auch. Gemütlich essen wir Müsli und Croissant mit Heidelbeermarmelade. Die Kinder machen Quatsch wie immer. Der Dezemberjunge braucht eine Weile am Morgen bis er richtig wach ist. Davor gibt es oft Geknatsche und Zankerei. Kaum sind sie fertig mit Essen dampfen sie ab, zum Spielplatz und zur „Kinderalamation“. Die „Kinderalamation“ ist ein großes weißes Zelt, mit Stiften, Spielen und Tobi. Damit den Kindern nicht langweilig wird, sagen sie. Die Kinder. Der Herzensmann verlängert unsere Übernachtung hier. Und so sitze ich plötzlich alleine da. Dann kann ich doch mal telefonieren.

Es klingelt. Dann ein „Hallo?“ Ich melde mich und dann sprudelt es los. Es tut ihr leid. Sie weiß auch nicht was passiert ist. Und dann erfahre ich, wie es so war mit den Hühnern. Dass sie den Hühnerstall sauber gemacht hat. Am nächsten Morgen keine Eier drin, aber die Hühner normal versorgt waren. Am späten Nachmittag hat sie die Hühner im Auslauf gesehen. Durch gezählt hat sie jetzt nicht. Aber das würde ich auch nicht machen. Am Abend beim Einsperren liegen zwei Hühner tot im Stall. Keine Spuren. Nichts. Einfach tot. Es tut ihr so leid. Sie weiß nicht, was passiert ist. Ich beruhige sie. Frage nach, welche Hühner es waren. Sie beschreibt sie. Es sind die der Kinder. Ich beruhige sie noch ein mal. Der Schilderung nach hätte es mir genauso passieren können. Sie kann nichts dafür. Sie soll sich keine Sorgen mehr machen. Ja, es ist ein unglaublich blödes Gefühl, wenn Tiere sterben während die Besitzer nicht da sind. Ich hätte auch nichts anders gemacht. Wir verabschieden uns. Sie hat hoffentlich nun ein leichtere Herz nach dieser ganzen Geschichte. Ich nehm die ganze Sache sehr gelassen. Ja, es ist schade. Doch was soll ich jetzt machen. Trübsal blasen? Nein. Ich weiß, das unsere Hühner ein schönes Leben gehabt haben. Länger als eine normale Legehenne.

Beim Mittag erzähle ich es den Kindern. Der Dezemberjunge vergräbt kurz sein Gesicht. Das Septembermädchen wird ganz still. Sie klettert auf meinen Schoß. Ich erzähle auch, dass wir neue Hühner für sie kaufen können. Das klingt gut, für den Dezemberjungen. Und wir können vom Strand zwei besonders schöne etwas größere Steine sammeln. Die können wir anmalen und den Namen drauf schreiben. Das findet der Dezemberjunge klasse. Das Septembermädchen sitzt nach wie vor still auf meinem Schoß. Leise frage ich sie, bist du grad ganz traurig? Sie nickt. Wir kuscheln gemeinsam. Dann klingelt das Telefon des Herzensmannes. Der Kite-Kurs findet statt. Es ist genug Wind. Die Kinder sind ganz Ohr und flitzen mit ihm zum Bodden. Dort beobachten sie ihn, dann zwitschern sie ab zur Kinderalamation, ach inzwischen sagen die zwei auch Kinderanimation.

Im Zentrum

Ich wache auf. Es ist dunkel um mich. Ich höre, wie Regentropfen auf das Zelt tropfen. Wie die letzten Nächte also auch. Doch es hört sich stärker an. Der Nieselregen der letzten beiden Nächte war leichter, sanfter. Diesmal sind es schwerere Tropfen. Ich drehe mich um und versuche wieder einzuschlafen. Doch der Herzensmann ist nun auch wach. Er steht auf und fragt, ob noch jemand aufs Klo muss. Ich müsste, aber ich will nicht auf stehen. Nicht bei dem Regen. Auch mit dem Septembermädchen sollte ich aufs Klo gehen. Besonders wenn es jetzt noch regnet und das Wasser ringsum einen herum läuft. Aber ich wecke sie nicht. Hoffe, dass der Schlafsack trocken bleibt.

Also versuche ich erneut wieder einzuschlafen. Doch bevor ich weg nicke mischt sich ein neues Geräusch in das Pladdern des Regens. Es rumpumpelt und kracht. Ich frage mich, ob und wann ich schon mal ein Gewitter im Zelt erlebt habe. Wahrscheinlich irgendwann mal mit meinen Eltern. Aber erinnern kann ich mich daran nicht. Inzwischen sehe ich immer wieder das Zelt hell erleuchtet. Es zuckt gespenstisch über den Himmel. Die Perspektive aus dem Zelt trägt so einiges dazu bei. Doch noch kommen die Donner danach in ausreichendem Abstand. Das Krachen wird über unseren Köpfen hin und her geworfen. Es hallt von den Wolken wieder und wieder. Inzwischen überlappen sich die einzelnen Donnerschläge. Ich habe das Gefühl als kracht es genau um uns herum. Wie sicher bin ich eigentlich in einem Zelt? Sollten wir mit den Kindern ins Auto huschen? Doch dann sind wir nass und beide wach. Letzteres lässt bei dem Krach auch nicht mehr lange auf sich warten. Das Septembermädchen klammert sich an mich. Umschlingt meinen Arm und hält sich gleichzeitig die Ohren zu. Der Lärm ist inzwischen unglaublich. Der Regen prasselt aufs Zelt. Die Donnerschläge hallen über unseren Köpfen. Ich höre leises Gemurmel vom Herzensmann. Eigentlich liegt er direkt neben mir. Seine Worte kann ich nicht verstehen. Er versucht den Dezemberjungen zu beruhigen. Auch ich spreche mit dem Septembermädchen. Summe leise vor mich hin. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich damit eher mich beruhige oder das Septembermädchen. Wahrscheinlich beides. Dann mischt sich ein neues Geräusch in die Kulisse. Es klingt wie die Sirene aus meinen Kindheitstagen. Immer Mittwochs um drei. Dann wurden die Sirenen in der Stadt getestet. Irgendwann wurden sie abgebaut und durch irgendetwas Neues ersetzt. Dann war es still Mittwochs um drei. Als wir das letzte Mal meine Großmutti besuchten hörte ich sie wieder. Auf dem Land werden die Sirenen noch getestet. Doch nun mitten im Gewitter die Sirene zu hören war nichts was uns Sicherheit gab. Der Herzensmann dreht sich zu mir. Hörst du das auch? Ist das eine Sirene?, fragt er. Ich höre die Frage hinter der Frage. Den Zweifel. Doch bevor wir weiter darüber nach denken wird die Sirene wieder leiser. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass der Blitz vermutlich in ein Haus in Prerow eingeschlagen hat.

Nun zieht das Gewitter langsam weiter. Das Septembermädchen schläft dicht an mich gekuschelt ein. Dass das Gewitter noch ein mal zurückkommt verschläft sie dann. Und ich liege im Zelt und denke darüber nach, dass es ja eigentlich auch Gewittern muss. Zu meinem Geburtstag gewittert es schließlich (fast) immer.