Einfach so – rechnen, schreiben, lesen?

„Mama?, was ist zwei und zwei?“, fragt der Dezemberjunge und schaut sich seine Hände an. An beiden hat er zwei Finger ausgestreckt. Ich sage nichts. Ich konzentriere mich aufs Auto fahren und antworte dabei immer etwas langsamer. So beantwortet er seine Frage selber „Vier.“ 

„Und drei und drei?-Mama?“ „Schau es dir an“, antworte ich. Denn seine Hände zeigen wieder jeweils drei Finger. Und so kommt die Antwort ganz schnell von ihm. 

Es ist nicht das erste Mal, das er mit den Finger rechnet. Nicht immer verwendet er „und“ also plus. Wir haben auch schon die 2er-Reihe bis fünf gehabt. Der Dezemberjunge fragte von sich aus „Was ist zwei mal zwei?“ Nachdem er sich die Frage beantwortet hatte ging es weiter mit zwei mal drei, zwei mal vier und zwei mal fünf. Dann waren alle Finger aufgebraucht. So geht es oft beim Auto fahren, oder im Fahrradanhänger. Er zählt und entdeckt die Welt der Zahlen. Hausnummern zum Beispiel, sind wunderbar um Zehner zu lernen. Eine zwei und eine drei heißt 23. Das bereitet noch viel Kopfzerbrechen. Denn die zwei steht doch zu erst. 

  
„Mama eine Drei!!!“, ruft der Dezemberjunge und strahlt mich an. Im Sand hat er eine drei geschrieben. Es folgen noch weitere und er ist stolz, dass eines seiner selbstgemalten Zeichen eine Drei ist. 

Es passiert einfach so. Im Auto, beim Spazieren gehen, hier und dort, immer und überall und wir beobachten, begleiten und staunen. Denn viel ist es nicht was wir tun und doch eine Menge. Wir hören zu. Wir beantworten Fragen. Wir zeigen ihnen unsere Welt und sind an ihrer Welt interessiert. Es ist ein Geben und Nehmen. Keine Einbahnstraße. Lernen kann wechselseitig sein, in Beziehung und mit Vertrauen. 

Vertrauen in die jungen Menschen die wir begleiten. Vertrauen in mich. Vertrauen in uns. Wenn mir vertraut wird, entsteht ein Bewusstsein. Ich kann! Ich darf! So wie es für mich passt. Ich vertraue darauf, dass wir Menschen alles lernen können, was wir brauchen. Ohne Schule als Institution. Dieses Vertrauen spiegelt der Dezemberjunge, wenn er mir im Gespräch sagt: „Ich lerne ja auch Schnitzen ohne Schule. Und Französisch lerne ich gerade auch. Und Rechnen.“ Ja, das und noch viel mehr. Denn da sind unendlich viele Fragen. Und wir suchen nach unendlich vielen Antworten. 

Frei-Lernen #1

Immerwieder stelle ich fest, dass der kleine Mann irgendetwas macht oder kann, was unter Bildung und Lernen fällt. Zumindest in der Wahrnehmung und Definition der meisten Menschen. Da das Thema Freilernen und sich frei bilden bei uns wichtig ist, möchte ich in dieser Rubrik, diese Momente teilen und versuchen Lernen sichtbar zu machen. 

  

„Mama, ich habe eine Neun gemacht.“

Ja, sage ich, dass sieht aus wie eine neun und bin erstaunt, dass er sie nicht nur erkennt, wenn sie irgendwo steht sondern sie auch selber formen kann. Natürlich berichtige ich ihn auch noch nach meiner Bestätigung und schiebe den grünen Dinosauriermagneten an die „richtige“ Stelle. So sieht eine Neun aus, kommentiere ich. Vehement schiebt der kleine Mann den Dinosaurier wieder zurück, „Nein so muss die Zahl sein!“ Ja, wenn du das sagst. Es sieht auf jeden Fall wie eine Neun aus. 

Der kleine Mann ist 3 1/2 Jahre alt.